Tagebuchbloggen – oder doch queer?

Inhaltshinweis: misgendering,

Eigentlich möchte ich nicht über heute bloggen. Das würde vor allem zeigen, dass ich eigentlich auf mehr politischen Einsatz bei Corona-Massnahmen hoffe, weil ich mich selbst ganz schnell bei “tja, ich darf, also mach ich es auch” finde.

Denn so war ich heute beim Gitarrenunterricht (Einzelunterricht) und mit den Kindern im Hallenbad beim Schwimmkurs. Denn für Kinder und Jugendliche gibt es Ausnahmeregelungen für Sportdinge. Die Momentane Regelung für Sportaktivitäten ist:

Sportliche und kulturelle Freizeitaktivitäten sind in Innenräumen mit bis zu 15 Personen erlaubt, wenn sowohl genügend Abstand eingehalten werden kann als auch Masken getragen werden. Von einer Maske kann abgesehen werden, wenn grosszügige Raumverhältnisse vorherrschen, etwa in Tennishallen oder grossen Sälen. Im Freien muss nur der Abstand eingehalten werden. Kontaktsport ist verboten. Von den Regeln ausgenommen sind Kinder unter 16 Jahren.

Also OK. Schwimmunterricht ist klar möglich, weil Kinder unter 16. Ansonsten äh 15 Personen pro was? Pro Gruppe die zusammen dort hin geht? Pro Becken?

Das Hallenbad macht: “Maskenpflicht bis zur Garderobe” Die Viren legt eins anscheinend dort in den Schrank, die wollen nicht ins Wasser (Achtung Ironie). Und es gibt eine Besucherobergrenze. Als wir dort waren stand auf einem Monitor eine Grüne 109 und als eine Person rein ging stand 110 auch in grün da. Also ist die Begrenzung wohl höher. Das Hallenbad war nicht übervoll, aber auch nicht gähnend leer. Eher so, wie es seit den Sommerferien meistens ausgesehen hat während dem Schwimmunterricht.

Aber gut. Lange Einleitung und Selfshaming oder so. Der Tag war also voll, ich habe Gitarre gelernt, war draussen, habe mit einem Kind genäht, mit dem anderen gebastelt und war schwimmen.

Ein Kind mit braunen kurzen Haaren sitzt an einer Nähmaschine. Der Blick ist von der Kamera abgewandt auf die Nähmaschine. Auf dem selben Stuhl sitzt auch eine Katze, die richtung Kamera blickt. Im Hintergrund steht ein buntes Regal mit Pflanzen und Kleinkram darauf.
Das Herbstkind will nähen, die Katze Nähe

Der Start vom Schwimmunterricht hat mich direkt 3 Monate und mehr zurückgeworfen zu einer Situation die ich schon seitdem als Blogeintrag nutzen wollte. So ist es also jetzt die Schwimmlehrerin, die das nochmal aufhängen darf.

“Wer bist du denn?” fragt sie das Herbstkind. Das antwortet erstmal nicht und so werde ich gefragt. “Wie heisst er denn?” Ich rolle innerlich mit den Augen, sage “Sie. Sie heisst [Herbstkind]”. Jetzt ist es so, dass ein Kind mit blauer Paw Patrol Badehose und kurzen Haaren vermutlich als Junge “liest” Daher war mein Augenrollen nur innerlich, denn ganz ehrlich, mir könnte das auch passieren.

Also hier noch einmal kurz der Reminder: Es ist nicht möglich das Geschlecht einer Person an der Kleidung, dem Haarstil, und auch nicht an gewissen Körperteilen zu erkennen. Einzig, was diese Person über sich selbst sagt ist ausschlaggebend und ggf kann sich das im Laufe des Lebens ändern. Dazu,weil es auch gerade passt: Eure Kinder sind nicht hetero – und cis sind sie auch nicht.

Das Herbstkind ist im Moment ziemlich häufig am sich Erklären. So zum beispiel letzes Schuljahr. Da hat es am Musikkindergarten teilgenommen. Eines der Kinder war sehr irritiert, als es eine Blume im Haar und einen Rock anhatte. Irgendwie hatte das andere Kind das Herbstkind in die Schublade “Junge” gesteckt. Und Jungs dürfen anscheinend keine Blumen im Haar haben, oder Röcke anhaben. Und so meinte das Kind “du siehst ja aus wie ein Mädchen” und das Herbstkind (und ich) erklärten, dass das Herbstkind ein Mädchen ist, auch wenn es kurze Haare hat und oft klassische “Jungsmotive” auf der Kleidung hat.
Ähnliches passierte auch in der ersten Schulwoche. Neu sind meine Kinder da (wieder) in der Betreuung. In der ersten Schulwoche hat das mit dem Bustransport nicht geklappt, das Herbstkind stand vor der Tür und ich brachte es selbst zum Betreuungsort. Ich wartete dort noch bis die Gruppe sich gesammelt hätte und auch alle Betreuungspersonen und Busfahrer_innen bescheid wussten. Wieder ein Kind, das aufgrund der kurzen Haare die Schublade “Junge” aufgemacht hat. Das Herbstkind hatte ein Kleid an. Anders Kind stutzt. “Das sieht aus als ob du einen Rock anhast” “das ist doch für Mädchen”. Alles an den Aussagen wirkte nach “du bist doch ein Junge, da kannst du doch kein Kleid anhaben” Dann stutzte das Kind noch einmal und dann kam doch die Frage “bist du ein Junge oder ein Mädchen” dem Herbstkind reichte es, es stampfte mit dem Fuss auf und sagte sehr laut und sehr deutlich: “Ich bin ein Mädchen”
“aber wieso hast du dann kurze Haare?” Woraufhin ich die Frage zurück gab, wieso es denn selbst kurze Haare hätte, die seien doch praktisch. Tja, das leuchtete ein. Auch die Erklärung der Betreuerin, die daneben sass, dass ja auch XY (ein Mädchenname) kurze Haare hätte.

Ein Kind mit dunklen kurzen Haaren auf einem Pfad neben hohem Grass. Im Hintergrund eine rote Bank. Das Kind trägt ein ärmelloses Kleid mit einem dreilagigen Rock. Der obere Teil ist blau mit Wolken, die oberste Rocklage ist cremefarben mit Feen, die zwischenlage ist altrosa mit Mädchen und die unterste Lage blau mit Pferdeköpfen. Unter dem Kleid trägt das Kind eine Hose mit Fuchsmotiv, dazu Schuhe in blau und rosa. Im Haar trägt es eine rote Blume
Das Kleid des Anstosses (Bild ist von September)

Aber hey, das ist anstrengend. Misgendern ist auch für cis Kinder blöd. Wenn angeblich eure Kinder “alles” dürfen, warum sind dann eure Söhne so dagegen, dass Jungs Kleider tragen, oder Mädchen kurze Haare haben? Denn beide Situationen waren mit Jungs. Auch der Frühlingsjunge wurde nach dem Outing von einem Jungen gefragt, warum er denn noch ein Kleid trage, wo er doch sagt, dass er ein Junge ist.

Es ist wohl noch ein langer Weg.